Über die rote Schwelle zum Sand
Ich stehe mitten auf der Brücke und blicke auf die Murg. An diesem Morgen präsentiert sich Gernsbach in all seiner Schönheit wie auf einer alten Postkarte aus der Kaiserzeit. In meinen Kopfhörern erklingt Francesco De Masis „Diamond Bossa Nova“, getragen von der himmlischen Stimme Edda Dell’Orsos: Deba – deba – daa … Schon jetzt weiß ich, was mich erwartet: ein langer, beinahe ununterbrochener Aufstieg aus dem Murgtal hinauf zur Roten Lache, weiter über den Eierkuchenberg und den Badener Sattel bis zum Sand. Ich gehe aufs Ganze, im Wissen, daß es von einem bestimmten Punkt an kein Zurück mehr gibt.






Von Gernsbach über die Rote Lache, den Eierkuchenberg und den Badener Sattel
Ich kenne den Nordschwarzwald. Stundenlang kann man dort unterwegs sein, ohne einem einzigen Menschen zu begegnen. Gerät man in Schwierigkeiten, bleibt nur die Bergwacht, und je nachdem, wo man sich gerade befindet, muß auch sie einen erst einmal finden. Das ist keine Dramatisierung, sondern eine Erfahrung, die jeder macht, der die breiten Forstwege verläßt und sich auf jene Pfade begibt, die auf der Karte oft deutlicher erscheinen als im Gelände oder überhaupt nicht.
Während ich aus Gernsbach hinaus und allmählich über das Murgtal hinaufsteige, setzt sich in meinem Kopf bereits ein Titel fest: Über die rote Schwelle zum Sand. Rote Lache und Sand – das klingt, als ließe sich die ganze Wanderung mit einem einzigen geologischen Gedanken zusammenhalten. Hier der rote Buntsandstein, dort der Sand, zu dem er im Laufe der Zeit verwittert. Man könnte es so schreiben, und wahrscheinlich würde niemand daran Anstoß nehmen. Gerade deshalb werde ich misstrauisch (…)
